Hautarzt
Bei Jörg Lang geht heute nicht die Sprechstundenhilfe persönlich ans Telefon. Stattdessen meldet sich der Anrufbeantworter.
Stellen Sie sich vor, es ist September 2009 und Sie haben sich verwählt.
Aha. In den folgenden dreißig Sekunden geht es darum, wie wenig Herr Lang verdient und dass deshalb die Praxis heute keine Telefongespräche annehmen kann, weil man sich auf die “bevorstehende Katastrophe” in der Gesundheitspolitik vorbereiten müsse. Wenn nämlich bestimmte Parteien, darunter die “Ost-CDU” so weitermachten, dann stünde Gesundheitsdeutschland vor dem Untergang. Man solle sich bitte an die Ambulanzen der Münchner Hautkliniken wenden.
Vielleicht sollte man sich lieber an die AOK wenden, um sie darauf hinzuweisen, dass Herr Lang offensichtlich gar keine Lust mehr hat, Patienten zu behandeln und ob man nicht überlegen sollte, ihn von der Last der Kassenpatienten zu befreien. Er kann dann zukünftig gemeinsam mit seinen Privatpatienten auf das Kassensystem schimpfen und wie alle anderen mehr Geld für die verarmten niedergelassenen Ärzte fordern.
Getaktetes Fahren
In Berlin haben sich Mediziner getroffen, die sich hauptberuflich mit Patienten mit Herzschrittmachern beschäftigen. Ein großes Thema bei der EUROPACE-Konferenz scheint die Frage gewesen zu sein, welche Schrittmacherpatienten noch Auto fahren und wer das lieber bleiben lassen sollte. Schließlich tragen die Leute ihren Schrittmacher nicht zum Vergnügen und es gibt Kandidaten unter den Patienten, die auch trotz Batterietaktgeber sehr plötzlich bewusstlos werden können. Das sollte dann besser nicht am Steuer eines LKWs auf der A8 im Ferienverkehr passieren.
Eine halbe Seite Pressemitteilung hat die European Society of Cardiology verschickt. Drin steht, wo der Kongress stattfand, welche Fachgesellschaften ihn veranstalten, und welche Verordnungen der Europäischen Kommission genutzt werden, um unterschiedliche Gruppen von Autofahrern zu unterscheiden. Es sind die Direktiven 80/1263/EEC und 91/439/EEC. Was leider nicht drinsteht: Welche Regeln für die Autofahrer nach Vorstellung der Mediziner zukünftig gelten sollen.
Stattdessen wird in drei Absätzen ein Professor Vijgen wörtlich zitiert, gewiss ein wichtiger Mann. “Patienten und ihre Familien sollten angemessene und standardisierte Informationen bei der Entlassung des Patienten bekommen, wie diese sich im Straßenverkehr verhalten sollten. Das sollte dazu führen, dass sie sich besser an die Vorgaben halten. Es sollte hervorgehoben werden, dass das Risiko hauptsächlich eine Folge des Gesundheitsproblems des Patienten ist und nicht eine Folge des Schrittmachers”, sagt Vijgen. Gewiss, Herr Professor, denkt der Leser sich an dieser Stelle, schon ein wenig aggressiv, jetzt sag mir endlich, was Ihr fordert! Denkste. Im nächsten Absatz steht nur noch die Liste der Namen aller Teilnehmer der Task Force. Und, dass die Ergebnisse des Kongresses in der nächsten Ausgabe von Europace erscheinen werden, der offiziellen Zeitschrift der European Heart Rhythm Association. Vermutlich hofft der Verein, mit Hilfe solcher Pressemitteilungen neue Abonnenten zu gewinnen.
Prostatakrebs
Richard Levin arbeitet in der Woodbridge Hall in der merkwürdigen Ostküstenstadt New Haven. Obwohl die Stadt hässlich und gewaltgeplagt ist, sitzt er damit an einem der begehrtesten Schreibtische der Vereinigten Staaten: Levin ist Präsident der Yale University. Die hält sich selbst für die Nummer Eins der US-Eliteuniversitäten, auch wenn das Harvard und Princeton University naturgemäß anders sehen.
Das aktuelle “News Update” der Yale Daily News allerdings wünschen vermutlich selbst die Präsidenten verfeindeter Konkurrenz-Universitäten Levin nicht an den Hals. Es liest sich wie das medizinische Bulletin der Leibärzte britischer Regenten.
University President Richard Levin underwent surgery for prostate cancer on Thursday and will temporarily cede his administrative duties to colleagues as he recovers.
Drei Wochen soll der krebskranke Uni-CEO genesen, teilen die Nachwuchsjournalisten von der Universitätszeitung mit. Dass Vorstände von Computerunternehmen bei Bilanzpressekonferenzen auch über ihren Blutdruck sprechen, gilt in den USA bereits als normal. Universitätspräsidenten konnten ihre Gesundheitsprobleme dagegen bislang mit ihrem Arzt besprechen. Und nur mit dem.
Brause
Patients with stone disease could benefit from drinking diet soda.
So steht’s in der Pressemeldung der University of California in San Francisco. In Diätbrause enthaltene alkalische Salze sollen dafür sorgen, dass sich in der Niere keine Steine bilden. Also, theoretisch. Ausprobiert hat’s nämlich noch keiner.
Researchers measured the citrate and malate content of 15 popular diet sodas. The researchers found that Diet Sunkist Orange contained the greatest amount of total alkali and Diet 7-Up had the greatest amount of citrate as alkali.
Nach ein wenig analysieren der Brausebrühe kennen die Forscher also bislang nicht viel mehr als den Säure-Basen-Haushalt von 15 Diät-Getränken. Weil das allein noch keine Meldung ist, muss dringend eine Empfehlung für steingeplagte Colakonsumenten abgegeben werden. Man beachte die dialektische Drehung folgender Argumentation:
“This study by no means suggests that patients with recurrent kidney stones should trade in their water bottles for soda cans”, said Anthony Y. Smith, MD, an AUA spokesman. “However, this study suggests instead that patients with stone disease who do not drink soda may benefit from moderate consumption.”
Patienten müssen das Wassertrinken nicht ganz aufgeben, um die Getränkeindustrie glücklich zu machen. Nur wer bislang noch gar keine ihrer Produkte konsumiert, der soll bitte endlich anfangen.
Barockmusik
Wissenschaftliche Verzweiflung treibt wunderbare Blüten. Zum Beispiel im radiologischen Diagnoseraum der University of Maryland im amerikanischen Baltimore. Ob Sohaib Mohiuddin und Paras Lakhani einfach nur langweilig war oder ob die Beiden austesten wollten, wo die Dreistigkeitsgrenze verläuft, um einen Vortrag bei einer wissenschaftlichen Fachmtagung unterzubringen, geht aus der Pressemitteilung der American Roentgen Ray Society (ARRS) nicht hervor.
Es steht aber drin, dass die Radiologen in furchtloser wissenschaftlicher Neugier acht Kollegen dazu befragt haben, wie sich die Berieselung mit Barockmusik auf ihre Arbeitsmoral auswirkt. Auf einem Fragebogen mussten die armen Röntgenärzte ankreuzen, wie sie ihre Stimmung, Konzentrationsfähigkeit, Diagnosegenauigkeit, Produktivität und Zufriedenheit unter Musikeinfluss einschätzten. Und siehe da: Fast nur positive Ergebnisse. “Die größten positiven Effekte gab es bei Stimmung und Zufriedenheit mit der Arbeit”, scheut Dr. Mohiuddin sich nicht, die Ergebnisse zu interpretieren. “Keiner der Teilnehmer gab an, einen negativen Effekt auf seine Stimmung oder seine Diagnosegenauigkeit gespürt zu haben.” Ein einzelner distonaler Miesepeter kreuzte an, die Musik habe seine Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt. Das ist ein Konzentrationsabsturz um 12,5%!
Ihre Ergebnisse wollen die forschenden Strahlenmediziner nutzen, um den durch erhöhte Arbeitsbelastung angespannten Radiologen ein angenehmeres Arbeitsklima zu schaffen. Allen ernstes kündigen sie an, eine größere Studie mit noch mehr (!) Teilnehmern durchzuführen. Um die Ergebnisse abzusichern.